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Sonntag ist Büchertag: „Das herrliche wilde Leben“

Das wünscht sich Barbara Bleisch für die kommenden Generationen und widmet allen Menschen, die in der Mitte des Lebens ein lesenswertes Buch.

Von Urs Heinz Aerni

Cover „Mitte des Lebens“ (Hanser Verlag)

Urs Heinz Aerni: Das Buch von Elke Heidenreich über das «Altern» schlug so richtig ein, im Handel und bei den Medien. Ihr Buch, Frau Bleisch, kreist nun die «Mitte des Lebens» philosophisch ein. Es scheint, dass momentan der Alterungsprozess die Gesellschaft umtreibt. Oder wie sehen Sie das?

Babara Bleisch: In einer Gesellschaft, in der ewige Jugend und körperliche Fitness großgeschrieben werden, wird das Ringen mit dem eigenen Älterwerden tatsächlich immer mehr zum Thema. Viele Titel und auch Heidenreiches Buch, das ich sehr schätze, rücken deshalb die Vorzüge einer vertieften Lebenserfahrung und einer heiteren Gelassenheit in den Vordergrund. Oftmals erlangen wir sie erst mit dem Älterwerden. Ein Stück weit kreist auch mein Buch um diese Vorzüge, die uns übrigens nicht in den Schoß fallen, sondern um die wir uns auch bemühen müssen – ebenfalls eine These, die ich entfalte.

Aerni: Ihr Buch behandelt eigentlich nicht das Altern, sondern…

Bleisch: …richtig, sondern die Mitte des Lebens, in der wir, wenn alles gut geht, noch sehr viel Zeit vor uns haben. Die Bilanzierung, die viele in dieser Phase vornehmen, lässt sich also nutzen, um noch einmal neu anzusetzen. Damit geht aber auch die Frage einher, wieviel Sicherheit wir aufzugeben bereit sind und wie wir uns neu erfinden, ohne uns zu verlieren.

Aerni: Philosophisches Neuland?

Bleisch: Philosophisch ist die Lebensmitte tatsächlich – anders als das Alter – nahezu unerforscht. Das ist umso erstaunlicher, als die mittleren Jahre in der antiken Philosophie als Blütezeit beschrieben worden sind. Mich hat auch interessiert, was in der Lebensmitte zur Blüte kommen kann respektive was der Krisenerzählung dieser Lebensphase philosophisch entgegenzusetzen ist. 

Aerni: In Ihrem Buch schreiben Sie von unbekannten Flecken in der Lebens-Topografie, im Sinne einer biografischen „Terra incognita“. Hand aufs Herz, wie erging es Ihnen beim Schreiben bezüglich der eigenen Wahrnehmung der eigenen Lebensmitte?

Bleisch: Alle Fragen, die ich diskutiere, treiben mich auch persönlich um. Am meisten hat mich vielleicht die Einsicht beschäftigt, dass ich zwar viel erreicht habe, immer Neues lerne und eigentlich rundum zufrieden bin – und dennoch das Gefühl von Stagnation kenne oder von einer gewissen Rastlosigkeit. 

Aerni: Was einschneidend sein kann für die Lebensgestaltung.

Bleisch: Einige mögen mit anderem hadern: Zum Beispiel dem Bedauern, da oder dort nicht anders abgezweigt zu sein, mehr Sitzleder bewiesen oder deutlicher Nein gesagt zu haben. Ich zeige im Buch, weshalb solches Bedauern nicht bitter sein muss, sondern zu einem reichen Leben dazugehört, in dem sich nicht alles haben lässt, was uns auch noch lockt. Gefühle des Bedauerns können uns außerdem deutlich machen, woran uns wirklich liegt und uns dazu bewegen, gerade in der Mitte nochmals eine Kehrtwende zu vollziehen.

Aerni: Wir erleben Sie am Bildschirm, auf der Bühne, aber auch schreibend als eine Persönlichkeit voller Neugier und die noch Staunen kann. Wären das die Grundvoraussetzungen für alle, die sich der Philosophie widmen möchten?

Barbara Bleisch ©Mirjam Kluka

Bleisch: Es heißt immer wieder, das Philosophieren beginne mit dem Staunen. Das meint nicht, dass wir ewig Kinder bleiben und naiv auf die Welt blicken sollen, als wäre alles wunderlich. Im Buch unterscheide ich zwischen dem epistemischen Staunen, das sich auf Wissenslücken bezieht und für Kinder typisch ist: Sie staunen über den Heißluftballon, den Zaubertrick des Onkels, über Seifenblasen, weil sie sich die entsprechenden Phänomene nicht erklären können oder sie zum ersten Mal sehen.

Aerni: Und wir, die Großen?

Bleisch: Als Erwachsene sind wir empfänglicher für eine zweite Form des Staunens, die mit der Lebenserfahrung und vertieftem Wissen zunimmt: Wir staunen über den Sternenhimmel noch mehr, wenn wir wissen, wie unendlich groß das All ist, wir sind umso berührter von Bachs Musik, wenn wir Übung darin haben, die verschlungenen Stimmen einzeln zu hören.

Aerni: Das Staunen ist also gut für unsere Lebensqualität?

Bleisch: Zu staunen, Momente der Ehrfurcht zu empfinden, trägt viel bei zu einem erfüllten Leben. Aber gerade die Lebensmitte ist oft nicht nur eine Zeit der Fülle, sondern auch der Überfülle, in der viel gearbeitet wird, zugleich noch eigene Kinder und älter werdende Eltern versorgt werden sollen. Momente, in denen wir uns ergreifen lassen, verschieben wir gern auf später: Ausgedehnte Reisen, das Mitsingen in einem Chor, durchgefeierte Nächte – vielleicht hat das keinen Platz mehr zwischen Familie und Karriere. Doch die Gefahr ist, dass uns damit auch der Glanz im Leben abhandenkommt, weil wir vor lauter To do-Listen und Zielverfolgung nicht die Ruhe finden, uns einer Erfahrung ganz hinzugeben und ohne Zeitdruck zu verweilen.

Aerni: Dann besteht Handlungsbedarf…

Bleisch: Dann gilt es, wieder Raum zu schaffen für Momente des Staunens, der Ergriffenheit.

Aerni: Sie schreiben in Ihrem Buch folgendes: «Ist man erst einmal vierzig, fünfzig oder sechzig, gilt es, aus eigenem Antrieb heraus erfinderisch zu bleiben, wenn einen die Vorstellung eines routinierten Lebens plagt.» Es geht unter anderem um die Langweile. Aber ich vermisse sie auch, die Langeweile. Ein gutes Zeichen?

Bleisch: Tatsächlich sind Kindheit, Jugend und frühe Erwachsenenjahre geprägt von steter Veränderung. Wir werden von äußeren Erfordernissen durch die Zeit geschoben und müssen deshalb den Wandel nicht aus eigenem Antrieb anstoßen. In der Lebensmitte haben manche vielleicht das Gefühl, «angekommen zu sein», was mit Befriedigung und einer tiefen Ruhe einhergehen kann. Bei anderen drängt sich das Gefühl in den Vordergrund, in Routinen gefangen zu sein oder zu stagnieren. Ich frage im Buch deshalb, wie Routinen als «Bleibefreiheit» verstanden werden können, um einen Begriff der Philosophin Eva von Redecker aufzunehmen: Als Souveränität, die darin besteht, zu bejahen, wo man gelandet ist und sich dem Zwang zur weiteren Optimierung zu entziehen.

Aerni: Also, nicht schlecht, sich mal zu langweilen?

Bleisch: Langeweile kann in diesem Sinn tatsächlich befreiend sein. Aber eben nicht immer und nicht für alle. Um einen Hinweis zu geben: Langeweile oder Routinen sind dann hemmend und schmerzhaft, wenn sie jegliche Lebendigkeit kassieren und uns nicht erlauben, weiter zu wachsen. 

Aerni: Sie zitieren viel aus der Weltliteratur, nehmen Bezug auf Filme. Kommt es auch mal vor, dass Sie sich einfach mal durch das Fernsehprogramm ziellos durchzappen?

Bleisch: Nein. Ich habe zu viele Filme oder Sendungen im Kopf, die ich noch sehen möchte. Ich nehme Programme gern auf und sehe sie mir später an, zappe also durch meine eigene Mediathek. Und ich oute mich hier als Serien-Liebhaberin: Habe ich mal eine gefunden, die mich packt, kann ich exzessiv schauen. Ist sie zu Ende, brauche ich aber ein paar Wochen Pause, um die Bilder loszuwerden, die meinen Kopf in Beschlag nehmen. Und um Zeit zu finden fürs Lesen.

Aerni: Kopfzerbrechen kann die Beobachtung machen, dass im Zug oder in der Straßenbahn nicht mehr gelesen, sondern auf dem Handy Filmchen geguckt wird. Nehmen Sie durch dieses Medienverhalten als Leserin, Autorin und Journalistin schon gewissen Auswirkungen wahr?

Bleisch: Ich nehme wohl dasselbe wahr, wie alle anderen auch: Dass man weniger miteinander spricht, sich kaum mehr grüßt, denn man hört sich mit den Kopfhörern ja gar nicht mehr. Mir scheint hier eine gewaltige Vereinzelung im Gang, die für einige hilfreich sein mag, die vor allem ihre Ruhe möchten, für andere aber schmerzhaft.

Aerni: Und Sie?

Bleisch: Auch wenn ich selber gern in Ruhe gelassen werde, denke ich abends dann doch oft über ein spontanes Gespräch nach, das sich ergeben hat beim Warten in der Schlange oder auf einer Tramfahrt. 

Aerni: Mit anderen Worten, die digitale Technik lässt uns Menschen gegenseitig wegdriften.

Bleisch: Was mir auffällt: Das Lagerfeuer Fernsehgerät ist in vielen Familien dem Privatfeuer in den einzelnen Zimmern gewichen. Jedes Familienmitglied schaut auf dem eigenen Gerät das bevorzugte Programm. Damit geht auch etwas verloren: Gemeinsam fiebern, ob sich die Richtigen kriegen oder die Millionenfrage richtig beantwortet wird, verbindet ungemein. Zusammen fernzusehen, scheint mir heute fast wieder Avantgarde zu sein – oder die Ausnahmeerscheinung, wenn EM ist. Ich fände schön, es gäbe auch Public Viewings für TV-Debatten oder Serien. Wirklich Sorgen bereitet mir im Zusammenhang mit dem Medienwandel vor allem die Verbreitung von Falschinformationen und Propaganda, und Algorithmen, die erwiesenermaßen ein mediales Suchtverhalten befeuern.

Aerni: Aber da ist ja noch das Lesen…

Bleisch: Natürlich: Ich liebe Bücher! Die Abenteuer, die sich lesend erleben lassen, sind mit Filmen nicht zu vergleichen. Die eigene Phantasie ist immer noch die großartigste Innenausstatterin! Aber gerade weil die Handys respektive die Apps darauf unsere Aufmerksamkeit derart beanspruchen, wird konzentriertes Lesen für Viele anstrengend.

Aerni: Ein Zitat von Hilde Domin in Ihrem Buch beeindruckt: «Ich setze den Fuß in die Luft / und sie trug». Welche Schritte in Ihrem Leben oder in der Berufskarriere empfanden Sie als ‘ungeschützte Preisgabe an das Unbekannte’, um Ihre Worte sinngemäß wiederzugeben?

Bleisch: Mutter zu werden, war sicher ein Schritt ins Unbekannte, denn Elternschaft ist für viele eine transformative Erfahrung, die sie nachhaltig verändert, ohne dass sie vorab wüssten, wie. Aber auch die Publikation eines Buches ist immer ein Wagnis und verlangt nach der Bereitschaft, nicht zu wissen, wie etwas, in das man sehr viel Arbeit und Herzblut gesteckt hat, ankommen wird. Im Kleinen setzen wir immer dann den Fuß in die Luft, wenn wir uns etwa in einem Konflikt oder in einer Beziehung ehrlich öffnen und Ablehnung riskieren. 

Aerni: Sie moderierten zahlreiche Sendungen für «Sternstunde Philosophie» auf SRF, jetzt liegt Ihr neues Buch in den Buchhandlungen auf. Beschreiben Sie uns die Unterschiede der Gefühle nach einer Sendung und die Abgabe eines Manuskriptes an den Verlag?

Bleisch: Nach einer Sendung kann man, wenn es nicht rund gelaufen ist, den Fehler bei anderen suchen: Der Gast war nicht in Bestform, im Studio war es stickig, das Thema wurde mir aufgedrückt… Das ist natürlich ein Scherz: Verantwortung trage ich immer auch selbst. Und ich tendiere ohnehin dazu, mich oft zu hinterfragen, was ich hätte besser machen können. Das ist auch richtig so. Selbstgerechtigkeit verträgt sich schlecht mit Moderation. Bei einem Buch gibt es zwar auch den Verlag, der mir da und dort einen Ratschlag erteilt. Doch das Manuskript aus den Händen zu geben, bleibt schlussendlich eine Entscheidung, die ich ganz allein verantworte. Lob wie Kritik werde ich auch mir selbst zuschreiben dürfen oder müssen.

Aerni: Ich komme langsam zum Ende mit meinen Fragen und denke an die Passage in Ihrem Buch über die «Perspektive auf die Endlichkeit». Mit welchen Erwartungen oder Wünschen schauen Sie auf Ihr Ende der Existenz auf diesem Planeten?

Bleisch: Mit dem Wunsch, dass es weitergehen möge, dass ich Hoffnung haben darf. Der Philosoph Samuel Scheffler schreibt in seinem Buch «Der Tod und das Leben danach», dass unser Leben und Sterben sehr viel schwieriger wären, wenn wir damit rechnen müssten, dass nicht nur wir sterben, sondern mit uns die ganze Menschheit. Die Vorstellung, dass andere nach mir kommen werden und jetzt bereits nachrücken, finde ich beruhigend. Und gerade in den mittleren Jahren, in denen ich jetzt stecke, will ich Verantwortung übernehmen und beitragen, was ich kann, dass wir berechtigt hoffen dürfen, dass nachrückende Generationen auch dieses herrliche, wilde Leben genießen können.


Das Buch: „Mitte des Lebens – Eine Philosophie der besten Jahre“ von Barbara Bleisch, Hanser München, ISBN 978-3-446-27968-1, 272 Seiten, 2024

Barbara Bleisch wurde 1973, geboren und lebt heute mit ihrer Familie in Zürich. Sie ist Mitglied des Ethik-Zentrums der Universität Zürich. Seit 2010 moderiert sie die Sendung „Sternstunde Philosophie“ beim Schweizer Radio und Fernsehen SRF. Von 2017 bis 2019 war sie akademischer Gast am Collegium Helveticum. Nebst Fachliteratur veröffentlichte sie Bücher wie  „Warum wir unseren Eltern nichts schulden“ (2018) und „Kinder wollen – Über Autonomie und Verantwortung“ (2020).

Dieses Interview wurde zuerst im Magazin „Lesen“ herausgegeben bei Orell Füssli Thalia Schweiz veröffentlicht.

Titelbild: Karolina Grabowska / Pixabay


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