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Jason Stanley über die Bedrohung des Faschismus: „Was passiert, hängt davon ab, was wir jetzt machen“

Demokratien werden vielerorts von faschistischen Bewegungen angegriffen. Wie diese funktionieren, beschreibt der US-amerikanische Philosoph Jason Stanley im Gespräch mit Benedikt Namdar von MOMENT.at.

MOMENT.at: Was ist Faschismus?

Jason Stanley: Was ich Faschismus nenne, sind antidemokratische Bewegungen, die von rechts kommen. Es geht um eine existenzielle Bedrohung für die Demokratie. Diese Bewegungen sind gefährlich. Und das ist, was wichtig ist. Vor sechs Jahren ist mein Buch „Wie Faschismus funktioniert“ in den USA erschienen, seither beantworte ich diese Frage und wird darüber debattiert, wie wir Bewegungen nennen. Die halbe Zeit, weil Leute behaupten, die Demokratien seien gar nicht so gefährdet. Aber mit Debatten, wie wir diese Bewegungen genau nennen, verschwenden wir Zeit, die wir nicht haben.

MOMENT.at: Wieviel Zeit haben wir noch?

Jason Stanley: In den Vereinigten Staaten muss Trump die Wahl ganz deutlich verlieren. Aber selbst dann ist es mit der Demokratie in den USA vielleicht vorbei. Denn Trump hat die Gleichschaltung unserer Gerichte bereits vollzogen – unser Oberster Gerichtshof ist ohne Zweifel gegen Demokratie.

MOMENT.at: Wie sehr stehen Demokratien heute unter Druck?

Jason Stanley: So sehr wie möglich.

MOMENT.at: Was sind globale Hot Spots faschistischer Bedrohung?

Jason Stanley: Die Vereinigten Staaten. Bei uns sagen die Republikaner: es ist nicht legitim, wenn wir nicht an der Macht sind. Der Kampf zwischen der Ukraine und Russland ist auch zentral, es geht hier um Demokratie. In Europa kann man Angst haben, dass es durch Orban und seine Kräfte im Grunde erobert wird. Es war sehr schlecht, Viktor Orban all das, was er gemacht hat, zu erlauben.

MOMENT.at: Was hat Orban getan?

Jason Stanley:  Orban hat die Presse angegriffen. Er hat Universitäten aus dem Land getrieben. Er hat das Schulsystem attackiert und verherrlicht rechtsextreme Ungarn aus der Vergangenheit. Er hat die Gerichte übernommen und sie benutzt, um Freunde und Familie zu bereichern. Er ist mit Autokrat:innen und Möchtegern-Autokrat:innen weltweit befreundet, inklusive Putin und Trump.

MOMENT.at: Wie beginnt Faschismus denn?

Jason Stanley: In verschiedenen Ländern gibt es verschiedene Ursachen. Nehmen wir Russland, das ist das klarste Beispiel von Faschismus. Putin ist in Russland nicht wegen Einwanderung oder einer Großer-Austausch-Verschwörungserzählung an die Macht gekommen. Putin ist an die Macht gekommen, weil Kapitalismus Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion in den 90er Jahren zerstört hat. Russland war sehr instabil, viele Leute sind gestorben. Und jetzt haben sie einen vermeintlich großen Führer.

MOMENT.at: Wie sieht das in den USA bei Trump aus?

Jason Stanley: Für Trump gibt es andere Gründe: Eine antidemokratische, faschistische Bewegung kann nur an die Macht kommen, wenn Gruppen, die sich normalerweise nicht als faschistisch beschreiben, diese Leute wählen. Zum Beispiel, wenn christliche Nationalist:innen sagen: wir wollen Abtreibung beenden und das ist für uns wichtiger als die Demokratie. Dann wählen sie Faschist:innen. Trump bringt verschiedene Gruppen zusammen. Das sind unter anderem christliche Nationalist:innen und reiche Leute, die niedrigere Steuern möchten. Dazu kommen Akteur:innen aus der Öl- und Gasindustrie, die Regulierungen verhindern wollen. Und für Weiße Nationalist:innen bringt Trump Rassismus und Islamophobie mit.

MOMENT.at: Faschistische Kandidat:innen sind momentan in vielen Ländern stark. Warum?

Jason Stanley: Vielleicht waren faschistische Ideen immer da. Aber wir haben als Welt gemerkt, wie gefährlich sie sind. Deshalb haben wir eine demokratische Kultur geschaffen. Wenn Politiker:innen diese faschistischen Fantasien direkt erwähnt oder unterstützt haben, wurden sie als Extremist:innen angesehen. Das ist heute nicht mehr so, es wurde normalisiert. Orban hat in der Vergangenheit viele politische Normen gebrochen. Überall hat man davon gelesen, viele Menschen waren erstaunt. Aber je mehr man diese rhetorischen Taktiken normalisiert hat, desto effektiver sind sie geworden. Jörg Haider hat das angefangen, wir sind jetzt am Ende eines Experiments der Normalisierung faschistischer Fantasie.

Außerdem gibt es heute Vorbilder. Orban ist ein Vorbild, an dem Rechtsextreme sich orientieren können. Viele Amerikaner:innen sehen Putin als Vorbild, sie wollen einen amerikanischen Putin.

MOMENT.at: Wie soll man angesichts dessen handeln?

Jason Stanley: Wir müssen etwas dagegen tun. Dafür muss man die Politik deuten können. Man muss sich informieren und nachdenken. Achtet auf Rhetorik, die Ängste zu schüren versucht. Zum Beispiel ist „Wokeism“ keine existenzielle Bedrohung. Es wird aber immer so getan, als gebe es Notfälle. Das sind immer dieselben: die Bevölkerung wird ersetzt durch andere; Kommunismus bedroht die Nation.

Ich glaube, das Wichtigste ist: Was passieren wird, hängt davon ab, was wir jetzt machen. Man hat nur eine gewisse Zeit dafür. Dann hängt die Zukunft nicht mehr davon ab, was wir machen. Dann lebt man zum Beispiel in Russland oder in China.

MOMENT.at: Was genau können Einzelpersonen jetzt machen?

Jason Stanley: Lasst euch nicht von Politiker:innen verängstigen, die wollen, dass ihr verängstigt seid.


Über die Person: Jason Stanley ist Philosoph. Er forscht und lehrt an der Yale University. Sein Buch “Wie Faschismus funktioniert” ist gerade auf Deutsch erschienen.


Dieser Beitrag wurde am 15.07.2024 auf moment.at unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0 veröffentlicht. Diese Lizenz ermöglicht den Nutzer*innen eine freie Bearbeitung, Weiterverwendung, Vervielfältigung und Verbreitung der textlichen Inhalte unter Namensnennung der Urheberin/des Urhebers sowie unter gleichen Bedingungen.

Titelbild: Jason Stanley/Robin Dembroff

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